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Autonomy - Architecture

In Tamera sind bis jetzt zwei Baurichtungen verwirklicht: Der Lehmbau – orientiert an der Überlegung, kostengünstige Alternativen zu realisieren, die die Ressourcen der Umgebung nutzen – und die Mehrzonenarchitektur, die derzeit vor allem durch die Schattendachkonstruktionen sichtbar wird. Noch sucht das SolarVillage nach einem visionären Konzept für eine solare Architektur der Zukunft. Im Folgenden sind die zwei Ansätze anhand der jeweiligen Architekten beschrieben: Gernot Minke, ehemaliger Professor für Lehmbau in Kassel, Deutschland, und Martin Pietsch, Designer und Baumeister, Tamera.

 

 

 

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Lehm, Stroh und Gras

Die Wiederentdeckung von ökologischem Baumaterial

Acht Meter hoch ragen die Wände der Aula von Tamera. Mit 400 Sitzplätzen ist das Auditorium des Friedensforschungszentrums der größte Strohballen-Lehm-Bau der Iberischen Halbinsel. Durch sein Gründach und seine erdfarbenen Wände schmiegt er sich harmonisch in die Umgebung ein, fast als habe er eine Tarnkappe. Wenn die Besucher aber eintreten, staunen sie über seine Erhabenheit. Die Balken des Holzständers und seine harmonikalen Proportionen vermitteln ein Gefühl von Größe. „Fast wie in einer Kathedrale“, sagen Besucher häufig.

Die Aula besteht aus einem Holzständerwerk, das mit Strohballen zugemauert und innen und außen mit einer Lehmschicht verputzt wurde. An der Außenwand wurde dem Lehm Kalk beigemischt, um sie vor der Witterung zu schützen. Das sanft geneigte Dach ist mit Gras und Kräutern bewachsen.

Bauen mit Lehm hat eine lange Tradition in Portugal. Die Kombination mit neuen Bautechniken und Materialien wie Stroh und Gründ.chern sowie mit Solararchitektur macht es möglich, moderne Architektur, futuristisches Design, Kuppeln und Bögen zu bauen und den Komfort eines modernen Lebens anzubieten. Bauen mit Lehm und Stroh ist eine Alternative, die Geld und Arbeitskraft spart, ein gutes Raumklima erzeugt und altes Wissen mit neuen Techniken kombiniert.

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Mehrzonen-Architektur

Die Arbeit von Martin Pietsch

Im Testfeld überspannen gewölbte, helle Dachkonstruktionen aus regenfester Zelt haut und dunkler Schattengaze den Dorf platz. In verschiedensten Abstufungen von intensiv warmen Sonnenarealen bis hin zu kühlen Schattenplätzen bilden sie das Ge meinschaftszentrum.

Durch das Zusammen spiel mit einer ökologischen Gestaltung entstehen kleinere und größere soziale Treffpunkte. Die großzügige Membrankonstruktion, entworfen von Martin Pietsch, ist eine Annäherung an die semipermeable Architektur, in der Wohnen und Kontakt mit der Natur in einem sich gegenseitig steigernden Zusammenspiel gestaltet wurden.

Seit Beginn von Tamera plant und baut Martin Pietsch seine weit geschwungenen Membrandächer. Ihre fantasievollen, gleichwohl zweckdienlichen Formen erinnern teilweise an große Blüten, Pilze oder UFOs. Sie schmiegen sich im Sommer über große Teile des Tamerageländes. Sie sind jedoch nur ein Teil einer großen Baukunstidee, die Martin Pietsch mittlerweile auch in anderen Teilen Portugals verwirklichte: z.B. 2008 auf dem Boom-Festival in Idanha-da-Nova.

Als ehemaliger Messebau-Designer gestaltet Martin Pietsch seit drei Jahrzehnten Membranarchitektur und organische Bauten für Zukunftsgemeinschaften. Für die Formfindung ist neben der sozialen Bauaufgabe die Musik, namentlich der Tanz, seine größte Inspirationsquelle.

"Als Einstieg in die Formbildung ist mein Körpergefühl entscheidend", erklärt er. "Ich fühle die Form viel mehr, als dass ich sie berechne – und dabei ist mir immer der innere Tanz der Seele und der äußere Tanz des Körpers Maßstab für das Gelingen. So wie mein Körper Melodie und Rhythmus in vielgestaltig mäandrierende Bewegungen übersetzt, so suche ich nach künstlerischen Formen, die Mensch und Natur zu einem gemeinsam pulsierenden Tanz verführen."


Von seinen Arbeiten in Tamera waren bisher die Membrandächer die auffälligsten. Doch sie sind nur ein Teil der von ihm entwickelten Mehrzonenarchitektur. Ein Beispiel ist das Haus für Kunsthandwerk, "Casa Sandra": Das großzügige Bildhauer-Atelier von Sandra Schmidt folgt im Äußeren harmonisch dem Fluss der Landschaftsformation. Ganz im Inneren liegt der Wohnbereich, wo unabhängig vom Wetter die Wärme passiv reguliert werden kann; davor das gut durchlichtete und luftdurchströmte Atelier, weiter außen die Innenhöfe, Terrassen, meist regengeschützte Bereiche, zu denen die Tiere und Pflanzen der Umgebung freien Zugang haben. Die Bewohner bzw. Nutzer einer Mehrzonenarchitektur können also das Maß an Kontakt mit den Elementen und den Wesen der Natur je nach Bedarf wählen. Ganz organisch breitet sich ihr Leben und Schaffen an den Orten aus, wo sie sich miteinander wohlfühlen. Das Leben in einer Mehrzonenlandschaft ist das Gegenteil von der jahrhundertelang durch entsprechende Stadtkonzepte verordneten parzellierten Isolierung des Menschen vor einer als bedrohlich empfundenen Umwelt.

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