Forum

Das Forum ist eine soziale Technologie, die uns hilft, Wahrheit in der Gemeinschaft und in den Beziehungen zu entwickeln. Forum dient der Bewusstwerdung dessen, was in und zwischen uns Menschen geschieht und fördert Anteilnahme und Solidarität. Es ist ein Beitrag zur Heilung des kollektiven Traumas, weil es uns zeigt, dass wir alle die gleiche Sehnsucht, die gleiche Freude und die gleichen Konflikte in uns tragen. Unsere inneren Fragen sind nicht nur persönliche, sondern auch globale Themen. Nicht-Identifikation und rückhaltlose Selbstoffenbarung ermöglichen Heilung, denn gesehen werden heißt geliebt werden.   

„Auf dem Grund der Wahrheit verschwindet jede Angst.”

SABINE LICHTENFELS

Konzept

Wir alle teilen das gleiche Urtrauma der zerstörten Liebe und des verlorenen Vertrauens – ein kollektives Trauma. Es ist die Erblast einer Epoche von Gewalt und zerstörter Gemeinschaft. Wir können im Äußeren nur soviel Frieden schaffen, wie wir auch im eigenen Inneren herstellen können. Darum hat die Heilung des kollektiven Traumas eine hohe politische Priorität. Wir brauchen dafür neue soziale Strukturen, in denen wir uns bewusst werden können, welche unbewussten automatisch ablaufenden Gedankenmuster uns ständig steuern, um sie verändern zu können. Aus dieser tiefen Selbstwahrnehmung entsteht von selbst Mitgefühl für andere und die Welt.

Die herkömmliche Therapie ist vor allem auf den Einzelnen ausgerichtet und schickt diesen zwangsläufig in genau jene Gesellschaft zurück, die ursächlich an seiner Erkrankung beteiligt war. Die Idee des Forums hingegen ist nicht therapeutisch, sondern besteht darin, eine neue Gesellschaft aufbauen zu helfen, in der sich die Menschheit aus dem Bannkreis des Traumas befreit hat.

Das Forum ist ein wesentlicher Grund, warum unsere Gemeinschaft bis heute besteht und zusammenhält. Von Anfang an gab es das tägliche Ritual des Forums. Damit konnten wir Themen behandeln, die wir in konventionellen Gesprächen niemals hätten angehen können: Seien es Themen mit einem hohen Konfliktpotential, peinlichen Inhalten oder Erlebnisse, die zu tief, zu schön oder zu bewegend sind, um davon beim Abendessen zu erzählen.

Das Forum bietet einen Schutzraum, um Konflikte in der Gemeinschaft anzusprechen, ohne zu verurteilen oder verurteilt zu werden, und um Empfindungen der Liebe frei veröffentlichen zu können. Im Forum können wir Misstrauen, Angst, Konkurrenz, Schüchternheit und scheinbar unaussprechliches Verlangen in künstlerische Feier verwandeln, anstatt endlos und mit falschem Ernst um sie zu kreisen.

Das Forum besteht aus einem Kreis von TeilnehmerInnen und einer Vertrauensperson, die es anleitet und wenn nötig unterstützend eingreift. Eine Person betritt die Mitte, um sich zu offenbaren. Es gibt eine Ebene, da trägt bereits die bloße Mitteilung dazu bei, Vertrauen in der Gruppe herzustellen. Das Forum kann aber auch tiefer gehen. Die Person geht dabei in eine kreative Distanz zu ihrem Thema und stellt es in einer künstlerischen Performance dar. Sie ent-identifiziert sich mit dem Problem und kann sich sozusagen von außen beobachten. Durch diesen Beobachterstandpunkt kann sie sich der Gedanken und Verhaltensweisen bewusst werden, die sonst unbewusst ablaufen, und somit Verantwortung für sie annehmen.

Im Forum geht es darum, Solidarität auf tieferer Ebene zu erlernen. Wenn Menschen sich in ihren Schwierigkeiten erkennen, verstehen sie, dass sie sich nicht voreinander verstecken müssen. Sie wollen einander unterstützen. In jedem tiefen Forum können sowohl die darstellende Person als auch alle andere TeilnehmerInnen eine erstaunliche Verwandlung erfahren. Wenn Menschen es wagen, ihre Masken abzulegen und sich voreinander zu zeigen, sind sie verändert. Sie lassen sich im Kreis der Menschen „sehen“. „Sehen ist Lieben“ ist eine Grunderfahrung für die Entstehung dauerhafter Solidarität unter Menschen.

Durch das Forum lernen wir auch, wie wir einander Rückkoppelung geben können, sagen, was wir im anderen wahrnehmen oder was uns gefällt oder nicht gefällt. Dies geschieht im Sinne der gegenseitigen Unterstützung. Nach jeder Darstellung können Menschen aus dem Kreis dem Darstellenden, der gerade gesprochen hat, „Spiegel“ geben. Jeder ist in seiner/ihrer Entwicklung auf die richtige Rückkoppelung angewiesen, um den speziellen Ort zu finden, von dem aus er oder sie am besten ins Ganze hinein wirken kann. Indem wir es lernen, Wahrheit zu sprechen und wahrheitsgemäße Rückkoppelung anzunehmen, lernen wir, uns als die- oder denjenigen zu akzeptieren, die/der wir wirklich sind. Wir erkennen, dass es bei diesem Eintritt in eine gemeinschaftliche Lebensweise um unsere Heilung geht, und nicht darum, sich nur äußerlich einer Gemeinschaft anzupassen.

Alles, was im Forum ausgesprochen wird, ist Teil eines Vertrauensraumes und darf nicht an andere, die nicht teilgenommen haben, weitergegeben werden. Forumsinhalte sind kein Stoff für Klatsch und Tratsch.

Erkenntnisse

  • Durch soziale Transparenz wachsen Solidarität und Wahrheit in der Gemeinschaft. Wahrheit ist eine Voraussetzung für den Aufbau von Vertrauen. Weil Wahrheit aber oft explosiv wirkt, müssen wir es lernen, ein Milieu herzustellen, in dem wir bewusst und ohne Verurteilung Wahrheiten aussprechen können.
  • Schwierigkeiten werden durch Leichtigkeit überwunden. Eine spielerische Darstellung macht es leichter, Gedanken und Gefühle auszudrücken, die wir normalerweise voreinander verstecken. So verstärken wir das Vertrauen und die Integrität der Gemeinschaft. Bei der Darstellung zählt nicht der äußere Stil, sondern die Authentizität und die kreative Distanz zu uns selbst. Wenn die Dinge zu schwer werden, hilft der/die ForumsleiterIn mit, sie wieder in ein kreatives Fahrwasser zu bringen, zum Beispiel mit Hilfe von Musik, Trommeln, Liedern oder mit einem freudigen Gebet.
  • Indem wir Zeuge der Heilungsvorgänge werden, welche wir an der Person in der Mitte wahrnehmen, erkennen wir, dass wir alle die gleichen Fragen und Schwierigkeiten in uns tragen. Auf diese Weise können wir unser Selbstverständnis erweitern, wir verstehen uns als Gemeinschaftswesen oder sogar als global denkende und fühlende Wesen.
  • Befreiung geschieht durch Selbstoffenbarung. In der vertrauensvollen Offenbarung werden Selbstheilungskräfte geweckt, die unseren Organismus erfassen.
  • Forum ist nur sinnvoll in einer Gruppe von Menschen, die für ein höheres Ziel arbeiten, das über die Gemeinschaft selbst hinausgeht, und ihre persönlichen Fragen auf eine globale Ebene heben wollen. Menschen, die bereit sind, die geistigen Grundlagen der Gemeinschaftsbildung zu studieren und Wahrheiten miteinander wagen wollen, auch im Bereich der Sexualität. Wir empfehlen Gruppen, nur dann Forum zu praktizieren, wenn dieser Rahmen gegeben ist.
  • Man lernt, Forum zu leiten, indem man es selbst in aller Tiefe zu nutzen lernt. In dem Maße, wie wir in unserem eigenen Leben transparent werden und uns selbst und unsere Beweggründe kennenlernen, erlangen wir das Wissen und Mitgefühl, um andere Menschen in ihrem Prozess zu begleiten und mit ihrem Vertrauen verantwortlich umzugehen. Das erfordert ein langes Studium und eine gründliche Praxis und kann nicht einfach in einem Workshop gelernt werden. Wer ernsthaft ForumsleiterIn werden will, ist herzlich eingeladen, an unserem Ausbildungsgang teilzunehmen: Healing Biotopes Student Program.

www.tamera.org